SHADOW 030

Frühling 2004. Im Märkischen Viertel, einer Großwohnsiedlung im Berliner Bezirk Reinickendorf, schallt es aus den 7er BMWs genau so wie aus den Handylautsprechern der Kids: »Du in deinem Einfamilienhaus lachst mich aus / Weil du denkst Du hast alles was Du brauchst / Doch im MV scheint mir die Sonne aus’m Arsch / In meinem Block weiß es jeder: Wir sind Stars!« Darauf angesprochen, grinst Shadow030.

»Als ich ›Mein Block‹ von Sido das erste Mal gehört habe, habe ich gedacht: Endlich einer von uns! Wir waren richtig stolz, weil er uns und unser Viertel repräsentiert hat.« Denn Nelsom Koroma, wie Shadow030 mit bürgerlichem Namen heißt, kommt selbst aus dem Märkischen Viertel. Der soziale Brennpunkt mit seinen harten Gangart prägt den Rapper seit seinen Kindertagen.

Geboren wird Shadow030 dort 1990, als seine Eltern, ursprünglich aus Sierra Leone, schon mehrere Jahrzehnte in Deutschland leben. In der Kindheit spielt die Musik noch keine Rolle. Einerseits, weil die Schule wichtig ist. Andererseits, weil nach dem Mittagessen eh klar ist, was gemacht wird. Schon vom Fenster im Hochhauswohnblock kann er sehen, wie seine Freunde unten an der Bank auf ihn warten. Sind alle da, geht es schnurstracks in den Hinterhof, wo die Pille bis in die Abendstunden vor die Hinterhofwände gedonnert wird. »Das Leben war damals echt entspannt«, sagt Shadow030.

Schule, Hausaufgaben, Hinterhofkicken – eine ganze Zeit lang geht das gut. Bis zur Oberschule. Aber dann hat Shadow030 keinen Bock mehr. Das Fachabitur in der elften Klasse zieht er noch durch, aber nach dem er das Zeugnis in der Tasche hat, geht er nie wieder hin. »Meine Eltern haben mir natürlich die Hölle heiß gemacht – aber ich wollte lieber mit meinen Jungs abhängen«, sagt Shadow030. Die Sorge seiner Eltern ist mehr als berechtigt. Denn wer im Märkischen Viertel die Schule abbricht und auf der Straße rumhängt, hat nicht unbedingt die besten Zukunftschancen. Geld macht man nicht mit einem Ausbildungsberuf, sondern mit schnellen Deals an der Straßenecke.

Da sauber zu bleiben, ist nicht einfach. Shadow030 schafft es trotzdem. Er fängt an zu rappen. Bei seinem Kumpel Krimmel spielen er und seine Jungs Beats von 2Pac- Klassikern ab und nehmen mit dem Headset ihre ersten Texte auf. »Die eine Hälfte waren Haus-Maus-Reime, die andere hat sich gar nicht gereimt«, erinnert er sich. »Wir haben uns gegenseitig gedisst und die Songs auf CD gebrannt.« Anschließend geht es mit den Songs runter in den Hof, wo Freunde entscheiden müssen, wer von den Jungs besser ist.

Ungefähr zur gleichen Zeit gibt Shadow030 sich seinen Künstlernamen. Der Grund? »Ich wollte einen Namen, der etwas Allgegenwärtiges beschreibt. Ein Schatten ist immer da.« 2008 beginnt er, das Tonstudio im comX-Jugendzentrum zu nutzen. Er fängt an, sich im Märkischen Viertel einen Namen zu machen – und tritt schon bald darauf vor 10.000 Menschen am Brandenburger Tor auf. Jetzt geht es Schlag auf Schlag. Rapper wie Jalil oder Twin treten mit Shadow030 in Kontakt. »Als das losging habe ich mir gedacht: ›Warum probierst du es nicht mal richtig?‹ Für mich war schon immer klar, dass man, wenn man etwas will, dafür arbeiten muss.

Also habe ich mich doppelt so hart angestrengt.« Auf schnelle und illegale Weise sein Geld zu verdient, kommt für Shadow dabei weiterhin nicht in Frage. »In meiner Gegend gibt es viele Leute, die sich so über Wasser halten. Ich kann das gut nachvollziehen und verurteile das auch nicht. Aber was passiert, wenn man erwischt wird? Man wandert ins Gefängnis und deine Eltern machen sich Sorgen um dich. Wofür hat man das dann gemacht? Für 20.000 Euro?« Tatsächlich bleibt Shadow immer sauber – und gerät trotzdem einmal zwischen die Fronten. Eines Tages kommt es auf dem Berliner Weihnachtsmarkt zu einer Auseinandersetzung. Shadow trifft keine Schuld. Was ihn dafür trifft, ist ein Messer und zwar gleich zweimal in die Lunge.

Unterkriegen lässt er sich davon nicht. Das mit dem Rappen ist weiterhin sein Ding. Aber dazu gehört mehr als nur das Texten. Also tut er sich mit seinem besten Freund Steffen zusammen, der sich um alle geschäftlichen Belange kümmert und als Berater fungiert. Die beiden verbindet seit Kindertagen eine enge Freundschaft und ein starkes Vertrauen zueinander. Als sie ihre Energien bündeln, geht es weiter bergauf. Mit dem Produzenten Ekrem Coşkun nimmt Shadow030 2015 die »Underdog«–EP auf. Plötzlich meldet sich Aggro TV und bietet ihm an, sein nächstes Video auf der bekannten Plattform zu veröffentlichen.

Wenig später wartet BTNG vor der Haustür auf Shadow030, als der gerade vom Einkaufen nach Hause kommt. Die beiden tauschen Nummern aus, kurz darauf nimmt der Boateng-Bruder den Nachwuchsrapper mit zum »Out4Fame«-Festival. Shadow performt ein paar Songs aus seinem gerade veröffentlichten »Identität«- Mixtape und knüpft im Backstage weiter Kontakte mit der Deutschrap-Szene. In den Wochen und Monaten darauf nimmt BTNG ihn immer mal wieder mit zu Konzerten und Festivals. »Da habe ich gecheckt, wie sich mein Leben entwickeln kann, wenn ich dranbleibe und das mit dem Rappen weiter verfolge.«

Also tut er genau das. Shadow030 sammelt weiter fleißig Klicks. Kurz darauf beweist er sich beim »Fick dein Rap«-Contest, wo er auch die Aufmerksamkeit von Produce, seines Zeichens Mitglied des Produzententeams Hijackers, auf sich zieht. Auf dessen Einladung schaut Shadow030 im Studio vorbei – und die Chemie stimmt sofort. Perfekte Vorrausetzungen, um gemeinsam an seinem Debüt »Schwarzer Hoody« zu arbeiten.

Die 14 Tracks des Albums und die 5 Tracks auf der EP (Block Panorama) sind so, wie das Leben von Shadow030. Düster und grau, hart und aggressiv, dann wieder selbstbewusst und hoffnungsvoll. Shadow030 berichtet von all den Dingen, die ihn umgeben, dem Leben in den Blocks von Berlin, dem Scheiße bauen und der anschließenden Einsicht. Mal auf rasselnden Hi-Hats, drückende Bässe und eisigen Synthieflächen, dann wieder auf hochgepitchten Soulsamples. Das Ganze von den Hijackers beat-produktions-und mixmäßig exzellent auf Shadow030 zugeschnitten.

So unterschiedlich die Beats auf »Schwarzer Hoody« auch klingen: Shadow030 versteht sein Handwerk. Er bellt seine Strophen wütend ins Mikrofon, um anschließend mit Auto-Tune-Effekt eine atmosphärische Hook zu singen oder mit ruhiger Stimme Geschichten aus seiner Jugend zu reflektieren.

Unterstützt wird er dabei von Marvin Game, Niqo Nuevo, Tyron Elliot, Kate Khaiauri, BTNG und Sido, der Mann, wegen dem Shadow030 heute ein Rapper ist. Sein Talent für beeindruckende Solosongs, seine wohldosierte Wahl der Features und sein glückliches Händchen für atmosphärische Beats machen »Schwarzer Hoody« zu einem der interessantesten Rap-Alben des Jahres von einem der vielversprechendsten Newcomer der Szene.